Das ist Verrat am Volke – Auszug aus einem Artikel aus dem Westdeutschen Beobachter vom 17.11.1938

Frau Kahle und ihr Sohn halfen der Jüdin Goldstein bei Aufräumungsarbeiten

In der Nacht zum vergangenen Dienstag bemerkte ein Polizeibeamter in dem Laden der Jüdin Emilie Goldstein, Kaiserstraße 22, der bei der Kundgebung der Bevölkerung gegen das Judentum als dem Schuldigen an der Ermordung Ernst vom Raths zertrümmert worden war, Licht und die Schatten mehrerer Personen. Da der Beamte annahm, es könne sich um Einbrecher handeln, trat er in den Laden ein und stellte vier Personen, drei Frauen und einen jungen Mann, die mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren. Während zwei der Frauen, die jüdische Geschäftsinhaberin und die Jüdin Josepha Herz sofort ihren Namen angaben, verweigerten die dritte Frau und der junge Mann die Angabe ihrer Personalien. Sie sage ihren Namen nicht, weil sie „keine Lust habe, im Westdeutschen Beobachter zu stehen“, und wörtlich begründete sie ihre Anwesenheit in dem Judenladen: „Ich habe der Geschäftsinhaberin geholfen, weil ich eine alte Kundin von ihr bin.“ Erst als der Beamte sie darauf aufmerksam machte, daß er sie zur Feststellung ihrer Personalien auf die Wache mitnehmen müsse, gab die Frau an, daß sie die Gattin des Professors Kahle, Kaiserstraße 61, sei. Der junge Mann war ihr Sohn, der Student Wilhelm Kahle.
Eine „alte Kundin“ der Jüdin Goldstein.
Die ehrlich und rein empfindende Bonner Bevölkerung steht sprachlos vor einer solchen Gemeinheit. Das hatte Frau Kahle befürchtet, und deshalb wollte sie nicht im Westdeutschen Beobachter genannt sein. Sie weiß, daß das nicht nur die Nennung ihres Namens in einer Zeitung ist, sondern die Veröffentlichung eines vernichtenden Urteilsspruches, den das deutsche Volk über sie und ihren Sohn fällt. Sie wußte also, wie die Bonner Bevölkerung über ihre Handlungsweise urteilen würde, sie wußte, daß sie sich nicht nur außerhalb dieser Gemeinschaft, sondern gegen sie stellte. Und sie wußte, daß sie das ganze Volk in seinem heiligsten Gefühl beleidigte und verriet. Trotzdem war sie Judenkundin.
Als der feige jüdische Mord an einem deutschen Mann, der im Ausland sein Vaterland in treuer Pflichterfüllung vertrat, bekannt wurde, erhob sich das deutsche Volk in Empörung gegen das mörderische Judentum. Diese Frau und ihr Sohn aber empörte diese auch vom gesamten anständigen Ausland verabscheute Tat nicht, sie blieben aber auch nicht nur abseits stehen, nein, sie stellten sich an die Seite der Juden und halfen ihnen, gegen ihr eigenes Volk, die Wirkung der Volksempörung abzuschwächen.

[…]

Es gibt noch einen kleinen Kreis Gesinnungsgenossen vom Schlage einer Frau Kahle. Das wissen wir. Und es gibt noch einen Kreis jener, die über ihrer schwächlichen Sentimentalität die harten Erfordernisse zur Rettung Deutschlands nicht verstehen können wollen. Es gibt noch solche, die ihr im allgemeinen vielleicht verständliches Mitleid irreführt. Es gibt sie bis in die letzten Schattierungen jener, die das Judentum als Verbrecher und Feind Deutschlands erkennen, aber  – eine rücksichtslose Bestrafung als zu hart empfinden. Diese letzteren führen gerne das Wort „Menschlichkeit“ im Munde und vergessen, daß es in dieser Frage nur eine wahre Menschlichkeit gibt: die Ausrottung der Weltpest.

Zitiert nach: KAHLE, Marie: Was hätten Sie getan? Die Flucht der Familie Kahle aus Nazi-Deutschland, Bonn 1998, S. 189f.
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