Kapitulationsbefehl für Berlin

Berlin, den 2. Mai 1945.

Am 30. April hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm Treue geschworen haben, im Stich gelassen. Getreu dem Befehl des Führers wart ihr, die deutschen Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl eure Munition zur neige ging und die Gesamtlage den Widerstand sinnlos machte. Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstands an. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung und unserer Verwundeten. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen.

Weidling
General der Artillerie
Befehlshaber des Verteidigungsbereichs von Berlin

 

Zitiert nach: Le Tissier, Tony: Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei, Frankfurt a.M., Berlin 1991, S. 204.

Margret Boveri

Petronella Auguste Pauline Antonie Margarethe Boveri wurde am 14. August 1900 in Berlin geboren und wird oft als eine der renommiertesten Publizistinnen ihrer Zeit gesehen. Ihre Eltern waren Akademiker: Ihr Vater Theodor Zellbiologe, seine zweite Frau und Margrets Mutter Marcella O’Grady war die erste Frau, die am Massachusetts Institute of Technology ein Abschlussexamen machte.

Margret Boveri lernte bereits in ihrer Kindheit die USA kennen, weil ihre Mutter dort aufgewachsen war und studiert hatte. 1915, Margret war gerade 15 Jahre alt, starb ihr Vater. Wilhelm Conrad Röntgen wurde ab dieser Zeit zu einer Art Vaterersatz für sie. Ab 1920 studierte sie Englisch, Italienisch, Geschichte, Germanistik und Zoologie an der Universität Würzburg und war in dieser Zeit auch „Führerin“ im Deutsch-nationalen Jugendbund. Ab 1925 studierte sie Geschichte in München. Nach einem Aufenthalt in Neapel 1927, studierte sie ab 1929 in Berlin Neuere Geschichte und Philosophie. Sie schloss ihr Studium 1932 mit einer Promotion über „Persönlichkeiten und Apparat der Aussenpolitischen Geschäftsführung unter Sir Edward Grey“ ab.

Ab dem Herbst 1933 war Margret Boveri als Journalistin tätig und wurde am 13. Dezember 1933 in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller aufgenommen. Im August 1934 begann Margret Boveri ein Volontariat beim Berliner Tageblatt. Sie war nie Mitglied der NSDAP. Ab 1939 war Margret Boveri für die Frankfurter Zeitung, die 1943 verboten wurde, Korrespondentin in New York und Stockholm. Der Zweite Weltkrieg führte dazu, dass sich Margret Boveri in den USA als Deutsche registrieren lassen musste. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 erklärte das Deutsche Reich als Verbündeter Japans den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg . Margret Boveri wurde als Deutsche in den USA am 9. Dezember 1941 noch vor der Kriegserklärung verhaftet und gemeinsam mit anderen Journalisten und Diplomaten der Achsenmächte nach Ellis Island gebracht. Im Mai 1942 wurde Margret Boveri mit mehr als 600 anderen Deutschen nach Lissabon gebracht. Dort – und später auch in Madrid – arbeitete sie weiter als Korrespondentin und schrieb jetzt auch antisemitische Texte. Im Frühjahr 1944 zog sie dann schließlich, gegen den Rat ihrer Mutter und ihrer Freunde, zurück nach Berlin. Hier schrieb sie auch ihr Tagebuch, das wir für @digitalpast zitieren.

 

Literatur:

Heike B. Görtemaker: Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri 1900-1975, München 2005.
Margret Boveri: Tage des Überlebens. Berlin 1945, München 1968.

Hitlers letzte Rundfunkrede

Hintergrund

Am 30. Januar 1933 kamen die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihren Koalitionspartnern im Deutschen Reich an die Macht. Nachdem der Reichskanzler Kurt von Schleicher am 28. Januar zurückgetreten war, wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Damit war das Deutsche Reich noch keine Diktatur, aber der Reichspräsident hatte die Regierungsgeschäfte erstmals an ein aus nationalsozialistischen und nationalkonservativen Politikern gebildetes Kabinett übertragen. Bis zur Reichstagswahl am 5. März 1933 war die Regierung Hitler ohne Mehrheit im Reichstag. Auch danach war sie zunächst auf die nationalkonservativen Abgeordneten angewiesen, vor allem die der DNVP. Das weitere Jahr 1933 nutzten die Nationalsozialisten zum Aufbau einer Diktatur in Deutschland. Am 23. März 1933 setzten sie mit dem sogenannten Ermächtigungsgesetz die Gewaltenteilung außer Kraft. Die Kommunistische Partei hatte zu diesem Zeitpunkt ihre Reichstagsmandate schon entzogen bekommen. Einige Parlamentarier, die gegen das Gesetz stimmen wollten, wurden in Schutzhaft genommen und so am Abstimmen gehindert. Nur die SPD, von deren Abgeordneten 26 inhaftiert oder schon geflohen waren, stimmte als einzige Fraktion mit 94 Stimmen gegen das Ermächtigungsgesetz. Weiterlesen

Odd Nansen

Wie sah das Leben in den Konzentrationslagern im Jahr 1945 aus? Genau und für alle treffend lässt es sich nicht beschreiben. Allein schon, weil die Konzentrationslager sich voneinander unterschieden. Aber auch die Lebensbedingungen unterschieden sich je nachdem wer der oder die Inhaftierte war. Für @digitalpast greifen wir auch auf das Tagebuch „Von Tag zu Tag“ von Odd Nansen zurück.

Odd Nansen beginnt mit dem Tag seiner Einsperrung, am 13. Januar 1942, sein Tagebuch zu führen. Er ist der Sohn des Polarforschers und Friedensnobelpreisträgers Fridtjof Nansen.  1901 geboren, wird Nansen zuerst Architekt bis er sich 1936 der Nansenhilfe für Flüchtlinge und Staatenlose widmet. So kümmert er sich darum, dass vor allem deutschen, später auch österreichischen und tschechoslowakischen jüdischen Flüchtlingen unbürokratisch bei der Flucht nach Norwegen geholfen werden kann. Die Nansenhilfe wird durch Spenden, staatliche Gelder und das norwegische Nobelkomitee unterstützt. Kurz vor Kriegsausbruch im Jahr 1939 kann die Nansenhilfe 260 Erwachsene und Kinder nach Norwegen bringen. Ab dem 9. April 1940 besetzt das Deutsche Reich Norwegen, weswegen die Nansenhilfe nicht mehr richtig arbeiten kann. Zwei Jahre später wird die Nansenhilfe im Herbst 1942 geschlossen. Odd Nansen sitzt da schon seit mindestens neun Monaten in Haft.

Im Oktober 1943 erfährt Nansen, dass er aus dem Lager Grini bei Oslo nach Deutschland deportiert werden soll:

6. Oktober 1943

Es dauerte nicht mehr lange, da erklärte Hövre Johansen, der Vorarbeiter meines Strafkommandos, es werde im Lager keinen Frieden geben, bis Nansen weg sei. Eines Abends stand ich vor Denzers Thron. Er eröffnete mir, „mein Maß sei voll“, ich solle nun nach Deutschland kommen und ein deutsches „KZ“ kennen lernen. (Nansen, S. 42.)

Er kommt in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Als Norweger ist er dort ein „privilegierter“ KZ-Insasse, wie er im Oktober 1943 schreibt:

Die Norweger nehmen in gewisser Beziehung eine Sonderstellung ein. Sie genießen Vorteile, die andere nicht haben, und werden mehr geachtet als die anderen Nationalitäten – ausgenommen vielleicht die Holländer und selbstverständlich die Deutschen selber. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß wir Germanen sind – – – und daß wir Pakete bekommen mit Speck, Wurst, Zucker, Zigaretten und Butter. (Nansen, S. 64)

Das KZ Sachsenhausen betrachten wir im Frühjahr 1945 also mit den Augen von Odd Nansen und damit von jemandem, dem es – verglichen mit anderen KZ-Insassen – besser geht. Aber auch er muss Entbehrungen im Konzentrationslager erleiden, hat seine Familie seit drei Jahren nicht gesehen und muss dem Sterben um sich herum zusehen in der ständigen Gewissheit vielleicht auch bald auf einen Todesmarsch geschickt oder in der Endphase des Krieges erschossen zu werden.

Dass das Tagebuch überhaupt überlebt, ist Odd Nansen selbst zu verdanken. Schreiben kann er im Konzentrationslager Sachsenhausen meist abends, ohne entdeckt zu werden. Das Geschriebene jedoch aus dem KZ hinaus zu bekommen ist die schwierige Aufgabe. Bevor er auf einen Todesmarsch geschickt würde, würde Odd Nansen gefilzt werden. Deshalb denkt er daran, sein Tagebuch zu vergraben, um es später wieder zu holen. Aber so weit kommt es nicht: Odd Nansen versteckt sein Tagebuch im doppelten Boden eines Brotbretts, das er mit anderen KZ-Insassen anfertigt und dass er auf den Todesmarsch mitnehmen könnte, ohne dass auffallen würde, was er bei sich hat.

Literatur: Nansen, Odd: Von Tag zu Tag, Hamburg 1949.

Das ist Verrat am Volke – Auszug aus einem Artikel aus dem Westdeutschen Beobachter vom 17.11.1938

Frau Kahle und ihr Sohn halfen der Jüdin Goldstein bei Aufräumungsarbeiten

In der Nacht zum vergangenen Dienstag bemerkte ein Polizeibeamter in dem Laden der Jüdin Emilie Goldstein, Kaiserstraße 22, der bei der Kundgebung der Bevölkerung gegen das Judentum als dem Schuldigen an der Ermordung Ernst vom Raths zertrümmert worden war, Licht und die Schatten mehrerer Personen. Da der Beamte annahm, es könne sich um Einbrecher handeln, trat er in den Laden ein und stellte vier Personen, drei Frauen und einen jungen Mann, die mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren. Während zwei der Frauen, die jüdische Geschäftsinhaberin und die Jüdin Josepha Herz sofort ihren Namen angaben, verweigerten die dritte Frau und der junge Mann die Angabe ihrer Personalien. Sie sage ihren Namen nicht, weil sie „keine Lust habe, im Westdeutschen Beobachter zu stehen“, und wörtlich begründete sie ihre Anwesenheit in dem Judenladen: „Ich habe der Geschäftsinhaberin geholfen, weil ich eine alte Kundin von ihr bin.“ Erst als der Beamte sie darauf aufmerksam machte, daß er sie zur Feststellung ihrer Personalien auf die Wache mitnehmen müsse, gab die Frau an, daß sie die Gattin des Professors Kahle, Kaiserstraße 61, sei. Der junge Mann war ihr Sohn, der Student Wilhelm Kahle.
Eine „alte Kundin“ der Jüdin Goldstein.
Die ehrlich und rein empfindende Bonner Bevölkerung steht sprachlos vor einer solchen Gemeinheit. Das hatte Frau Kahle befürchtet, und deshalb wollte sie nicht im Westdeutschen Beobachter genannt sein. Sie weiß, daß das nicht nur die Nennung ihres Namens in einer Zeitung ist, sondern die Veröffentlichung eines vernichtenden Urteilsspruches, den das deutsche Volk über sie und ihren Sohn fällt. Sie wußte also, wie die Bonner Bevölkerung über ihre Handlungsweise urteilen würde, sie wußte, daß sie sich nicht nur außerhalb dieser Gemeinschaft, sondern gegen sie stellte. Und sie wußte, daß sie das ganze Volk in seinem heiligsten Gefühl beleidigte und verriet. Trotzdem war sie Judenkundin.
Als der feige jüdische Mord an einem deutschen Mann, der im Ausland sein Vaterland in treuer Pflichterfüllung vertrat, bekannt wurde, erhob sich das deutsche Volk in Empörung gegen das mörderische Judentum. Diese Frau und ihr Sohn aber empörte diese auch vom gesamten anständigen Ausland verabscheute Tat nicht, sie blieben aber auch nicht nur abseits stehen, nein, sie stellten sich an die Seite der Juden und halfen ihnen, gegen ihr eigenes Volk, die Wirkung der Volksempörung abzuschwächen.

[…]

Es gibt noch einen kleinen Kreis Gesinnungsgenossen vom Schlage einer Frau Kahle. Das wissen wir. Und es gibt noch einen Kreis jener, die über ihrer schwächlichen Sentimentalität die harten Erfordernisse zur Rettung Deutschlands nicht verstehen können wollen. Es gibt noch solche, die ihr im allgemeinen vielleicht verständliches Mitleid irreführt. Es gibt sie bis in die letzten Schattierungen jener, die das Judentum als Verbrecher und Feind Deutschlands erkennen, aber  – eine rücksichtslose Bestrafung als zu hart empfinden. Diese letzteren führen gerne das Wort „Menschlichkeit“ im Munde und vergessen, daß es in dieser Frage nur eine wahre Menschlichkeit gibt: die Ausrottung der Weltpest.

Zitiert nach: KAHLE, Marie: Was hätten Sie getan? Die Flucht der Familie Kahle aus Nazi-Deutschland, Bonn 1998, S. 189f.

Nationalsozialistische Pressepolitik und der Völkische Beobachter

Bereits zu Beginn des Jahres 1933, als noch kein Propagandaministerium in Deutschland existierte, arbeitete die Propagandamaschine der Nationalsozialisten seit langem. Schon im Dezember 1920 hatte die NSDAP den vor dem Ruin stehenden Völkischen Beobachter auf Hitlers Bestreben hin aus nationalen Kreisen erworben und diesen immer weiter zu ihrem Parteiorgan ausgebaut. ((Vgl. Hünger, Heinz: Aus der Geschichte des Völkischen Beobachters. In: Deutsche Presse 18/1934, S. 3ff, zit. nach Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, Düsseldorf 1960, S.6.)) Finanziert wurde dies in erster Linie durch die persönliche und finanzielle Unterstützung einiger Parteiführer. ((Vgl. Frei, Norbert, Nationalsozialistische Presse und Propaganda in: Martin Broszat/Horst Möller (Hrsg.), Das Dritte Reich. Herrschaftsstruktur und Geschichte, München 1983, S. 157.)) Der Völkische Beobachter war bis 1926 die einzige NS-Tageszeitung und verfügte bis 1926 nur über eine geringe Auflage von 10.700 gedruckten Zeitungen. Die Partei war bis 1930 nicht in der finanziellen Lage, effektive Propaganda über die Zeitungen zu betreiben. Zwar hatte man bis 1928 vier Tageszeitungen erwerben können, allerdings kamen diese nicht über eine Tagesauflage von 22.812 Exemplaren hinaus. Wichtige Verbreitungsgebiete der Zeitungen waren dabei Preußen und Bayern. Die NSDAP verfügte Mitte Februar 1930 über 24 und Mitte 1932 über 47 Tageszeitungen in Berlin, in Bayern waren es Mitte Februar 1930 über elf täglich erscheinende Blätter und Mitte 1932 16 Tageszeitungen. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, S. 6.))

Gerade der schnelle Anstieg nationalsozialistischer Blätter in Preußen ab 1930 lässt erkennen, wie sehr die Nationalsozialisten auf die Propaganda bauten. Finanziert wurde diese nationalsozialistische Pressetätigkeit anfangs vor allem durch den Verkauf von Mein Kampf, allerdings kam mit dem gestiegenen Absatz des Völkischen Beobachters auch Geld in die Parteikasse, sodass der Erlös des Völkischen Beobachters 1932 mit 3,9 Millionen Reichsmark zur Finanzierung des NSDAP-Wahlkampfes beitrug. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945. Geschichte der deutschen Presse Teil III, Berlin 1972, S. 382.))

Genaue Zahlen, wie viele Zeitungen insgesamt 1930 und 1932 in Preußen und Bayern erschienen, existieren nicht, aber allein in Berlin betrug die Zahl der täglich erscheinenden Zeitungen 1928 147 ((http://www.bpb.de/themen/502I33,6,0,Zwischen_Festigung_und_Gef%E4hrdung_1924_1929.html.)), deutschlandweit waren es 3356 verschiedene Tageszeitungen (von Wochen- und Monatszeitungen ganz abgesehen). Die Weltwirtschaftskrise hatte keine Auswirkungen auf die Presselandschaft des Deutschen Reiches in dem Sinne, dass während dieser Zeit kaum Zeitungen eingestellt wurden, allerdings ging die Auflage der Zeitungen stark zurück, sodass einige Blätter einen Einbruch von bis zu 20 Prozent zu verzeichnen hatten. ((Vgl. Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, 2., überarbeitete Auflage, Konstanz 2005, S.159ff.)) Wie viele Zeitungen allerdings einen Auflagenschwund zu verzeichnen hatten, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, da es in der Weimarer Republik kaum Aufzeichnungen über die Auflagen gab und davon ausgegangen werden kann, dass die vorliegenden Zahlen von einem Einbruch von bis zu 20 Prozent noch zu niedrig geschätzt sind. ((Zur Problematik der Gesamtauflagenermittlung von Tageszeitungen der Weimarer Republik s. Führer, Karl Christian, Die Tageszeitung als wichtigstes Massenmedium der nationalsozialistischen Gesellschaft, in: Wolfgang Benz/Michael Borgolte/Georg G. Iggers et. al. (Hrsg.), Zeitschrift für Zeitgeschichte, 55. Jahrgang, Heft 5, Berlin 2007, S. 413ff.))

Erst ab 1930 ist ein signifikanter Anstieg der nationalsozialistischen Tagespresse zu verzeichnen. So wurden 1930 in mehreren Großstädten neue nationalsozialistische Zeitungen mit Hilfe des parteieigenen Eher-Verlags gegründet. Aber auch bereits existierende nationalsozialistische Blätter konnten ab 1930 wöchentlich erscheinen. Dazu zählen der Westdeutsche Beobachter, das Hamburger Tageblatt (ehemals Volksblatt) und die Essener National-Zeitung. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 384.)) Verfügte die NSDAP 1929 noch über 10 Tageszeitungen mit einer Tagesauflage von 72.590 Exemplaren, so wird davon ausgegangen, dass es 1933 bereits 86 Tageszeitungen gab, die es zu einer täglichen Auflage von 3.197.964 Zeitungen brachten ((Vgl. Ebd., S. 385.)), beziehungsweise unmittelbar vor der „Machtübernahme“ 59 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 780.000 Exemplaren waren. Dennoch machte die damalige Auflage der nationalsozialistischen Presse nur 5 Prozent der deutschen Gesamtpresse aus ((Vgl. Frei, Norbert, Nationalsozialistische Presse und Propaganda, S.165f.)).

Viel wichtiger als die eigene nationalsozialistische Presse ist in diesem Zusammenhang, dass die NSDAP seit Oktober 1931 Mitglied der Harzburger Front war. Dadurch war eine Verbindung zum Medienmogul Alfred Hugenberg geschaffen, der im Scherl-Verlag eine nationale Presse vertrieb ((Vgl. Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, S. 6.)) und daneben 1928 auch über die drei weiteren Gebiete des Publikationswesens „Annoncenexpedition und Propaganda, Internationaler Nachrichtendienst und Film“ ((Bernhard, Ludwig, Der „Hugenberg-Konzern“. Psychologie und Technik einer Großorganisation der Presse, Berlin 1928, S. 94.)) verfügte. Durch die starke Präsenz des Hugenbergkonzerns in der Provinzpresselandschaft wurde „die Verteilung der Einflußzone über das Reich“ ((Ebd., S. 105.)) ausgebaut und verstärkte so die politische Wirkung des Konzerns, die von einigen Zeitzeugen als „‘indirekte und mittelbare Einflußnahme‘“ ((ebd.)) auf die Bevölkerung verstanden wurden. ((Vgl. ebd.)) Der Hugenberg-Konzern hatte durch seinen weitreichenden Einfluss auf die Provinzpresse den Stand eines rechten Meinungsklimas verbessert, sodass bürgerliche Blätter, aber auch die Presse der übrigen Parteien der Weimarer Republik, in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt wurden, was eine Radikalisierung der deutschen Presselandschaft zur Folge hatte. ((Vgl. Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, S. 235.)) Mithilfe dieser beiden Verbreitungswege wurde von Seiten der Nationalsozialisten versucht, kritische Stimmen der übrigen  Reichspresse zu übertönen. ((Vgl. Zur Problematik der liberalen Presse zu dieser Zeit s.a. Bosch, Michael, Liberale Presse in der Krise. Die Innenpolitik der Jahre 1930 bis 1933 im Spiegel des „Berliner Tageblatts“, der „Frankfurter Zeitung“ und der „Vossischen Zeitung“, Frankfurt/M und München 1976.))

Als die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt am 30. Januar 1933 übertragen bekamen, boten sich ihnen natürlich gänzlich andere Maßnahmen, sodass sie unliebsame, kritische Stimmen nicht mehr bloß übertönen mussten. Am 4. Februar 1933 wurde die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes erlassen, die die Pressefreiheit stark beschnitt. Besonders die Paragraphen 7 und 9 der Verordnung machten eine freie Berichterstattung kaum möglich. So konnten nach § 7 alle Druckschriften polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden, deren Inhalt geeignet sei, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden. Der Paragraph neun definierte, dass periodische Druckschriften, die u.a. zu Generalstreiks aufriefen und Organe, Einrichtungen, Behörden oder leitende Beamte des Staates beschimpfen oder böswillig verächtlich machen würden, verboten werden könnten. ((Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes vom 4.2.1933, RGBl I, 6.2.1933, S. 35-40, in: Bernd Sösemann (Hrsg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Bd. 1, Stuttgart 2011, S. 96.))

Am 23. März 1933 schuf die Reichsregierung mit dem Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich auch eine Rechtsgrundlage für die Abschaffung der Pressefreiheit in Deutschland. Die demokratische Weimarer Verfassung war somit nicht länger gültig. Damit begann eine Willkürherrschaft, der auch die freie Presse zum Opfer fiel. Durch Einschüchterung der Redaktionen und dem politisch bzw. „rassisch“ begründeten Ausscheiden vieler bedeutender Journalisten wurde die Presse „uniformiert“. Den Redaktionen wurde mit unterschiedlichen Aktionen zu verstehen gegeben, welche Berichterstattung sich die neuen Machthaber wünschten. So kam es zu Besetzungen von Redaktionsräumen durch SA-Truppen und Verhaftungen von Journalisten. Das bekannteste Beispiel für die Umsetzung der neuen „Pressepolitik“ der Machthaber dürfte wohl die Auflösung des Dortmunder Generalanzeigers sein. Die NSDAP hatte seit dem Februar 1933 versucht, eines der größten deutschen Provinzblätter zu übernehmen. Nachdem der Chefredakteur der Zeitung abgesetzt und die Zeitung zwei Mal beschlagnahmt worden war, reichte eine Zeichnung Adolf Hitlers, die anlässlich seines Geburtstages am 20. April 1933 erschien und von den Nationalsozialisten als Schmähung von dessen Person aufgefasst wurde, um den Generalanzeiger in den Dienst der „nationalsozialistischen Revolution“ zu stellen. Die Gesellschafter des Generalanzeigers wurden mit finanziellen Mitteln aus dem Bankguthaben der General-Anzeiger GmbH „entschädigt“ ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 358.)), was aber de facto einer Enteignung gleich kam.

Von den rund 3400 verschiedenen Zeitungen, die Anfang 1933 im Deutschen Reich existierten, stellten 600 Zeitungen ihr Erscheinen im Laufe des Jahres ein, darunter war auch die Vossische Zeitung, ein bedeutendes, traditionelles und anerkanntes Blatt. Andere Blätter hatten mit Absatzverlust zu kämpfen, während die nationalsozialistischen Zeitungen an Bedeutung im Sinne eines gesteigerten Absatzes gewannen. ((Bereits 1934 machte die NS-Presse ein Viertel der deutschen Presselandschaft aus, zum Ende des „Dritten Reichs“ gehörten 80-82,5% der deutschen Presse dem Eher-Verlag, vgl. dazu Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, S. 236.))

Der Völkische Beobachter fungierte ab der „Machtergreifung“ 1933 als Mitteilungsorgan der Reichsregierung. Ab 1938 erschien nach dem „Anschluss“ Österreichs auch eine Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters.

Wer für den Völkischen Beobachter schrieb, verpflichtete sich, für keine andere Zeitung zu schreiben. Die Auflage des Völkischen Beobachters steigerte sich mit im Laufe der 1930er Jahre enorm, zurückzuführen ist dies wohl auf die aggressive Pressepolitik Max Amanns, dem Präsidenten der Reichspressekammer, der nicht-nationalsozialistische Blätter konsequent ausschaltete. Hatte der Völkische Beobachter bereits 1931 eine, für die Zeit und die politischen Umstände, in denen sich die Nationalsozialisten befanden, verhältnismäßig hohe Auflage von 130.000 Exemplaren gehabt, lag diese 1939 bereits bei 750.000 und sollte bis 1941 weiter steigen. Grund dafür war auch der Druck, dem sich viele ausgesetzt fühlten, um sich zur nationalsozialistischen Ideologie zu bekennen. Dieser Druck wurde durch Werbemaßnahmen Amanns verstärkt. ((Vgl. Florin, Moritz, Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums. Der „Völkische Beobachter“ über die UdSSR im Jahre 1939, Berlin 2009, S. 36.))

Neben der aggressiven Pressepolitik Amanns dürfte ein weiterer Grund für die wachsende Popularität des Völkischen Beobachters das Ausscheiden Alfred Rosenbergs aus der Redaktion gewesen sein. Bis 1927 hatte Rosenberg mit dem Völkischen Beobachter versucht, die nationalsozialistische Ideologie zu erläutern, worunter der Stil der Artikel litt und sie teilweise unlesbar machte. [Edit: Hinweis von Gabriel Rolfes, dass Rosenberg 1927 nicht aus der Redaktion ausschied. Rosenberg wurde 1927 – nach Beschwerden Amanns bei Hitler über die langen theoretischen Erörterungen Rosenbergs – der Journalist Wilhelm Weiß zur Seite gestellt. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 382)). Tatsächlich blieb Rosenberg bis 1937 Schriftleiter, im Anschluss daran fungierte er als Herausgeber. ((Vgl. Bollmus, Reinhard: Alfred Rosenberg – ‚Chefideologe‘ des Nationalsozialismus?, in: Smelser, Ronald/ Zitelmann, Rainer (Hrsg.): Die braune Elite. 22 biographische Skizzen. Darmstadt 1989, S. 223-235, hier: S. 224)) ((Vgl. a. „Von Febr. 1923 bis zum Hitler-Putsch (9.11.1923) und von 1926 bis Ende 1937, als er aufgrund von Konflikten mit Josef Goebbels (1897–1945) und Philipp Bouhler (1899–1945) zum ‚Herausgeber‘ degradiert wurde, wirkte R. als Hauptschriftleiter des ‚Völkischen Beobachters‘.“ – http://bsbndb.bsb.lrz-muenchen.de/sfz108145.html))] Dies sollte sich nach der „Machtergreifung“ ändern, denn nun galt es auch zuvor nichtüberzeugte Bürger vom Nationalsozialismus mit Hilfe des Blattes zu überzeugen. Dadurch musste der Völkische Beobachter sowohl die langjährige Leserschaft als auch die neuen Leser überzeugen und damit eine Balance zwischen nationalsozialistischer Hetze und gemäßigter Berichterstattung halten. ((Vgl. Florin, Moritz, Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums, S. 36.))

Nationalsozialistische Propaganda

Die Presse nahm im NS-Staat eine gewichtige Rolle ein. Unter der Parole „Die öffentliche Meinung des deutschen Volkes ist der Nationalsozialismus“ ((Dietrich, Otto, Die Presse ist das publizistische Gewissen der Nation, in: Deutsche Presse, 25. Jg. Nr. 38 v. 21.9.1935, S. 467)) waren die Presselenkung und die damit verbundene Propaganda im NS-Staat essenzielle Mittel zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung. Die Propaganda sollte sowohl für die Erziehung des „neuen Menschen“, als auch dafür sorgen, die Zustimmung des Volkes zum totalitären Staat zu gewinnen. Der theoretische Überbau der Propaganda war durch die Ideologie des Nationalsozialismus gewährleistet, die tägliche Realpolitik der Propaganda war hingegen nicht festgesetzt. Sie sollte möglichst dazu eingesetzt werden, das Volk immer wieder auf das Neue vom Nationalsozialismus zu überzeugen. ((Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“ im Dritten Reich untersucht am Beispiel der ‚Frankfurter Zeitung‘, Freiburg 1960, S. 42f.))

Hitler widmete der Kriegspropaganda in „Mein Kampf“ ein Kapitel. So kritisierte er die – im Gegensatz zur britischen – mangelnde deutsche Propaganda während des Ersten Weltkriegs. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, 147.-148. Auflage, München 1935, S. 193ff.)) Um diese Kriegspropaganda auch in friedlichen Zeiten nutzen zu können, müssten die innenpolitischen Gegner zu lebensbedrohlichen Feinden stilisiert werden ((Pohlmann, Friedrich, Ideologie und Terror im Nationalsozialismus, Pfaffenweiler 1992, S. 296f.)), was die nationalsozialistische Ideologie tat. Insofern lassen sich Hitlers Ausführungen zur Kriegspropaganda auch auf den generellen Propagandabegriff der Nationalsozialisten übertragen. Hitler definiert die Propaganda so:

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 197.))

Im Hinblick auf diese Aussage ist also festzustellen, dass Hitler der Propaganda bei der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie wohl eine große Bedeutung beigemessen haben dürfte. Hitler verstand die Propaganda als Mittel zur Indoktrination seiner Ideologie und so war er davon überzeugt, dass sie auf nur wenige Punkte zu reduzieren sei, damit sie auch der „Beschränkteste“ verstünde. ((Ebd., S. 198.)) Dadurch könne das Volk von der Idee des Nationalsozialismus begeistert und fanatisiert werden. ((Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“, S. 44.)) Der für Hitler wichtigste Bestandteil der Propaganda war die Rede ((Hierzu Pohlmann, Friedrich, Ideologie und Terror im Nationalsozialismus, S. 298-310.)), aber auch der Presse ließ er in seiner Propagandatheorie eine gewichtige Bedeutung zukommen. Diese besorge in erster Linie die „Aufklärungsarbeit“ und stelle damit eine Art von Schule für die Erwachsenen dar. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, München 1935, S. 93.)) Die psychologischen Auswirkungen der Propaganda waren Hitler also bewusst. Aber auch Goebbels wusste als Journalist ((Zum Thema Goebbels als Journalist s.a. Richter, Simone, Joseph Goebbels – der Journalist. Darstellung seines publizistischen Werdegangs 1923 bis 1933, Stuttgart 2010.)) um die Bedeutung der Presse als wichtigen Einfluss auf die öffentliche Meinung und als lebenswichtige Funktion des modernen Staates. So postulierte er 1934 in der NS-Zeitung Der Angriff:

Die Presse ist die siebte Großmacht! (…) Wer die Presse hat, hat die öffentliche Meinung. Wer die öffentliche Meinung hat, der hat recht. Wer recht hat, der kommt in den Besitz der Macht. ((Zit. nach Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“, S. 47.))

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Titelkopf der nationalsozialistischen Wochenzeitung „Der Angriff“, herausgegeben von Joseph Goebbels, vom 30. Januar 1933 – dem Tag der „Machtergreifung“.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Nationalsozialisten sich der Bedeutung der Propaganda für die Durchsetzung ihrer Ziele, die im Besonderen darin lagen in der deutschen Bevölkerung das Judentum als Feindbild durchzusetzen und sie bis 1939 auf einen Krieg vorzubereiten ((Kershaw, Ian, How effective was Nazi Propaganda?, in: David Welch (Hrsg.), Nazi Propaganda. The power and the limitations, Totowa 1983, S. 200.)), sehr bewusst gewesen sein müssen.