Odd Nansen

Wie sah das Leben in den Konzentrationslagern im Jahr 1945 aus? Genau und für alle treffend lässt es sich nicht beschreiben. Allein schon, weil die Konzentrationslager sich voneinander unterschieden. Aber auch die Lebensbedingungen unterschieden sich je nachdem wer der oder die Inhaftierte war. Für @digitalpast greifen wir auch auf das Tagebuch „Von Tag zu Tag“ von Odd Nansen zurück.

Odd Nansen beginnt mit dem Tag seiner Einsperrung, am 13. Januar 1942, sein Tagebuch zu führen. Er ist der Sohn des Polarforschers und Friedensnobelpreisträgers Fridtjof Nansen.  1901 geboren, wird Nansen zuerst Architekt bis er sich 1936 der Nansenhilfe für Flüchtlinge und Staatenlose widmet. So kümmert er sich darum, dass vor allem deutschen, später auch österreichischen und tschechoslowakischen jüdischen Flüchtlingen unbürokratisch bei der Flucht nach Norwegen geholfen werden kann. Die Nansenhilfe wird durch Spenden, staatliche Gelder und das norwegische Nobelkomitee unterstützt. Kurz vor Kriegsausbruch im Jahr 1939 kann die Nansenhilfe 260 Erwachsene und Kinder nach Norwegen bringen. Ab dem 9. April 1940 besetzt das Deutsche Reich Norwegen, weswegen die Nansenhilfe nicht mehr richtig arbeiten kann. Zwei Jahre später wird die Nansenhilfe im Herbst 1942 geschlossen. Odd Nansen sitzt da schon seit mindestens neun Monaten in Haft.

Im Oktober 1943 erfährt Nansen, dass er aus dem Lager Grini bei Oslo nach Deutschland deportiert werden soll:

6. Oktober 1943

Es dauerte nicht mehr lange, da erklärte Hövre Johansen, der Vorarbeiter meines Strafkommandos, es werde im Lager keinen Frieden geben, bis Nansen weg sei. Eines Abends stand ich vor Denzers Thron. Er eröffnete mir, „mein Maß sei voll“, ich solle nun nach Deutschland kommen und ein deutsches „KZ“ kennen lernen. (Nansen, S. 42.)

Er kommt in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Als Norweger ist er dort ein „privilegierter“ KZ-Insasse, wie er im Oktober 1943 schreibt:

Die Norweger nehmen in gewisser Beziehung eine Sonderstellung ein. Sie genießen Vorteile, die andere nicht haben, und werden mehr geachtet als die anderen Nationalitäten – ausgenommen vielleicht die Holländer und selbstverständlich die Deutschen selber. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß wir Germanen sind – – – und daß wir Pakete bekommen mit Speck, Wurst, Zucker, Zigaretten und Butter. (Nansen, S. 64)

Das KZ Sachsenhausen betrachten wir im Frühjahr 1945 also mit den Augen von Odd Nansen und damit von jemandem, dem es – verglichen mit anderen KZ-Insassen – besser geht. Aber auch er muss Entbehrungen im Konzentrationslager erleiden, hat seine Familie seit drei Jahren nicht gesehen und muss dem Sterben um sich herum zusehen in der ständigen Gewissheit vielleicht auch bald auf einen Todesmarsch geschickt oder in der Endphase des Krieges erschossen zu werden.

Dass das Tagebuch überhaupt überlebt, ist Odd Nansen selbst zu verdanken. Schreiben kann er im Konzentrationslager Sachsenhausen meist abends, ohne entdeckt zu werden. Das Geschriebene jedoch aus dem KZ hinaus zu bekommen ist die schwierige Aufgabe. Bevor er auf einen Todesmarsch geschickt würde, würde Odd Nansen gefilzt werden. Deshalb denkt er daran, sein Tagebuch zu vergraben, um es später wieder zu holen. Aber so weit kommt es nicht: Odd Nansen versteckt sein Tagebuch im doppelten Boden eines Brotbretts, das er mit anderen KZ-Insassen anfertigt und dass er auf den Todesmarsch mitnehmen könnte, ohne dass auffallen würde, was er bei sich hat.

Literatur: Nansen, Odd: Von Tag zu Tag, Hamburg 1949.

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