Warum gibt es DigitalPast eigentlich nur auf Twitter?

Warum nutzen wir für @digitalpast eigentlich Twitter und nicht auch Facebook, welches eine deutlich größere Nutzerbasis hat? Könnte man darüber nicht noch mehr Leute erreichen?

Im Prinzip ist es kein Problem, die Tweets auch auf Facebook zu veröffentlichen. Die übliche Software erlaubt es einem meistens, die Beiträge mit wenig Mehraufwand auf mehreren Plattformen zu veröffentlichen. Es gibt auch Dienste, die automatisiert Facebook-Posts aus Tweets erstellen und umgekehrt.

Das Problem liegt in der Struktur von Facebook. Dessen Geschäftsmodell ist es nämlich, im Kern einen kaputten RSS-Reader anzubieten. Wer eine Seite liket, bekommt nicht alle Beiträge von ihr zu sehen, sondern nur einen Teil. Der Edge-Rank bestimmt, welche Beiträge im Newsfeed des Users auftauchen. Facebook formuliert das so:

Der Neuigkeiten-Algorithmus ermittelt Hauptmeldungen mithilfe von verschiedenen Faktoren wie der Anzahl der Kommentare, dem Nutzer, der die Meldung gepostet hat, sowie der Art des Beitrags (z. B. Foto, Video oder Statusmeldung).

Dieser Algorithmus erklärt auch, warum die Betreiber von diversen Seiten ständig zum liken, sharen und kommentieren aufrufen – eine höhere Nutzeraktivität führt dazu, dass die Beiträge sichtbarer werden. Facebook bietet auch die Möglichkeit, einen Beitrag gegen Zahlung eines gewissen Geldbetrages allen Abonnementen der Seite anzuzeigen.

Für ein Projekt wie @digitalpast bedeutet dies aber, dass Facebook schlicht und einfach nicht geeignet ist. Wenn nur ein kleiner Teil der Beiträge bei den Usern sichtbar sind und wir noch nicht einmal beeinflussen können, welche, dann verlieren wir die Kontrolle über den Inhalt des Projektes. Wir müssten Facebook Geld zahlen, um diese Einschränkungen zu umgehen und unsere Beiträge allen Lesern anzuzeigen. Aber auch dies würde nicht bedeuten, dass die Beiträge wie auf Twitter „sekundengenau“ verbreitet und gelesen werden – und genau das ist ja der Clou bei einem Reentweetment-Projekt. Facebook ist daher für solche Projekte gänzlich ungeeignet, da der Leser nur einen Bruchteil mitbekommen würde.

Wir haben aber trotzdem eine Facebook-Seite eingerichtet – dort berichten wir allerdings nur über das Projekt selbst, verlinken Medienartikel und verweisen auf dieses Blog. Die eigentlichen Beiträge bleiben hingegen exklusiv bei Twitter.

Wir haben bei der Planung des Projektes auch andere Soziale Netzwerke ins Auge gefasst, diese dann aber verworfen. Google Plus, Ello & Co besitzen einfach nicht die Nutzerbasis, um den Mehraufwand zu rechtfertigen. Wir hätten unser Projekt allerdings gerne auf WhatsApp gebracht. Nachrichten über den Krieg direkt auf dem Handy sind ein Format, das definitiv funktionieren kann. Die Heilbronner Stimme hat dies am 4. Dezember 2014 auch anhand der Bombardierung Heilbronns durchgeführt und über 2500 Nutzern den Verlauf des Bombenangriffs direkt auf das Handy geschickt. Der Aufwand dafür war aber immens:

Jede einzelne Nummer mussten wir nämlich ins Adressbuch aufnehmen. Von Hand, auf einem Smartphone. Zwei Leute haben das abwechselnd gemacht und dafür sicher zehn Stunden gebraucht. Wir haben die Adressbucheinträge systematisch durchnummeriert, um den Überblick nicht zu verlieren. Dann haben wir immer 250 Nummern in eine Broadcast-Liste aufgenommen (eine Broadcast-Liste kann 256 Nummern speichern). Am Ende hatten wir zehn Broadcast-Listen, die wir von einem einzigen Smartphone aus parallel mit den Inhalten befüllen mussten.

Dazu kommt, dass sich WhatsApp bislang nicht sinnvoll automatisieren lässt. Jeder Beitrag müsste daher zeitgenau manuell verschickt werden. Für ein einziges Ereignis wie einen Luftangriff ist dies zu bewältigen, bei einem Projekt, das sich über mehrere Monate erstreckt und bei dem viele Ereignisse mitten in der Nacht geschehen, ist dies aber unrealistisch. Daher scheidet leider auch WhatsApp als Plattform aus.

Als der Krieg nach Hause kam

Schon bevor Charlotte Jahnz und Moritz Hoffmann auf der re:publica 2014 ihren Vortrag über @9nov38 hielten, war uns Fünfen klar, dass es nicht unser letztes gemeinsames Projekt bleiben soll. Doch, wie schon auf der #rp14 angesprochen, sind Reentweetmentprojekte zeitaufwändig. Zeitaufwändig, weil wir nur belastbare Quellen benutzen, das bedeutet Berichte nachzuprüfen, ob sie zum Beispiel einer Intention folgend die Ereignisse nicht wahrheitsgetreu wiedergeben und sie damit kritisch zu lesen. Historiker/innen nennen das Quellenkritik. Um unseren Lesern/-innen die Herkunft der Tweets transparent zu machen, haben wir die Tweets von @9nov38 im Dezember 2013 mit Quellenangaben veröffentlicht. Jede/r kann die jeweilige Quelle der Tweets also nachlesen.

Nach der schon angesprochenen, letztjährigen re:publica im Mai 2014 sprach der Ullstein-Verlag Charlotte und Moritz an. Ein Buchprojekt zum Twitteraccount im Propyläen-Verlag war der Plan. In den zwei folgenden Monaten planten wir, wie diese Zusammenarbeit aussehen könnte. Wir kamen recht schnell zu dem Entschluss, dass das Projekt vom Leben in Deutschland 1945 handeln soll. Das Projekt beginnt am 27. Januar 2015 – 70 Jahre nach der Befreiung des KZs Auschwitz. Genau zu diesem Zeitpunkt wird der Account @9nov38 wieder aktiv, nur, dass er ab sofort @DigitalPast heißt, um auch für zukünftige Projekte einen eingängigen Namen zu haben. Am 27. Januar 2015 wird ebenfalls das Buch „Als der Krieg nach Hause kam“ erscheinen (auch als E-Book), das wir zusammen recherchiert und verfasst haben.

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Das Buch ist ab dem 27. Januar 2015 erhältlich. Auch als E-Book.

Das Buch dient der Hintergrundinformation zu unseren Tweets, ist aber so geschrieben, dass man es auch lesen kann, wenn man dem Account @digitalpast nicht folgt. Basierend auf Tagebuchaufzeichnungen und Literatur wird anhand von Ereignisinseln das Leben in den letzten Kriegsmonaten in Deutschland wiedergegeben. So wird zu lesen sein, wie das Leben für Kinder in Deutschland 1945 aussah, was es zu Essen gab, aber auch wie Auschwitz befreit und Dresden Ziel mehrerer Bombenangriffe wurde. Auch im Buch werden die unterschiedlichen Themen von Tweets begleitet.

Was sind Ereignsinseln?

@digitalpast wird – im Gegensatz zu @9nov38 – einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zum Kriegsende abdecken. Bei @9nov38 haben wir die Beobachtung gemacht, dass gerade besondere Ereignisse von unseren Followern/-innen aufmerksam beobachtet werden. Deshalb wird @digitalpast die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs mit einem „Grundrauschen“ der Erlebnisse von Einzelpersonen begleiten, sodass es vorkommen kann, dass an einigen Tagen fast nichts geschieht, gleichzeitig wird es aber auch Ereignisse geben, zu denen der Account sehr aktiv sein wird. Diese Ereignisinseln sind zum Beispiel die Befreiung von Auschwitz oder der Untergang der Wilhelm Gustloff.

Für die Tweets stehen die Tagebuchaufzeichnungen im Vordergrund; das Notierte jener Personen, die entweder die Ereignisse für die Nachwelt erhalten wollten oder sich einfach den Kummer von der Seele schreiben wollten. Weil wir bei @9nov38 auch die Erfahrung gemacht haben, dass das, was nicht in 140 Zeichen passt, aber doch zum Verständnis der zeitlichen Abläufe nicht wegzudenken ist, im Blog viele Leserinnen und Leser gefunden hat, wird auch das Projekt Als der Krieg nach Hause kam durch Blogartikel von uns begleitet.

Wir freuen uns über Reaktionen und Anregungen!

Quellenbelege und ein nur vorläufiges Ende

Von Anfang an haben wir, die das Projekt @9Nov38 erarbeitet haben, versprochen, dass wir am Ende alle Inhalte, die wir über Tweets transportieren, auch mit Belegen aus Quellen und Literatur versehen würden. Dies war Teil des von uns gewagten Spagats zwischen der „leichten“ Medienform Twitter und dem Eigenanspruch der wissenschaftlichen Redlichkeit. Oft hat uns das an den Rand des Wahnsinns gebracht, weil wir entweder gut passende Tweets wegen mangelnder Seriosität der Quelle verwerfen mussten oder vermeintlich sichere Literatur Informationen beinhaltete, die wir für nicht vertrauenswürdig hielten.

Gleichzeitig mit den ansteigenden Followerzahlen tauchte auch die Frage, wie wir @9Nov38 beenden sollten, am Horizont auf. Die Literatur findet darauf völlig unterschiedliche Antworten. Nachdem durch die thematische Eingrenzung die Zahl der Tweets täglich geringer wurde, ließen wir das Projekt auslaufen.

Das heißt aber nicht, dass damit alles vorbei ist. Über 11.000 Menschen haben sich für die Novemberpogrome über das Medium Twitter interessiert und informiert. Ökonomisch gesprochen wollen wir dieses Potenzial nicht einfach versanden lassen. Im Hintergrund überlegen wir gerade, wie wir das Projekt auf etwas andere Weise weiterführen können. Näheres dazu, wenn wir ein tragfähiges Konzept haben.

Untenstehend findet sich nun die Tabelle mit den Quellen- und Literaturbelegen. Sie ist nicht vollständig einheitlich und wahrscheinlich finden sich dort auch einige Fehler, die wir gerne auf Zuruf korrigieren – gerne hier per Kommentar oder bei Twitter. Wo Belege nicht in der Spalte auftauchen, sind sie in den Links der zugehörigen Tweets schon enthalten (bspw. auf Zeitungen oder Quellen auf dieser Homepage).

Nun  bleibt uns vorerst nur, Danke zu sagen für die Aufmerksamkeit, den Enthusiasmus und die vielfältige Unterstützung.

Belege bei Google Docs

PS: Heute abend werden „Die Goldenen Blogger 2013“ vergeben, und wir sind neben Boris Becker, Collinas Erben und Nein Quarterly in der Kategorie „Bester Twitter-Account“ nominiert. Das alleine ist schon eine riesige Ehre, aber über Stimmen (ab 20:15 Uhr) freuen wir uns natürlich auch sehr.

Wie recherchiere ich weiter?

In den Tagen um den 9./10. November haben uns viele Anfragen von Menschen erreicht, die sich weiter mit dem Thema beschäftigen oder mehr über die Pogrome in ihrer Heimatstadt oder gar die Rolle ihrer Vorfahren erfahren wollen. Wir hoffen, allen zumindest kurz geantwortet zu haben. Dennoch möchten wir zumindest einen kurzen Leitfaden veröffentlichen, anhand dessen sich jede/r Interessierte knapp und schematisch orientieren kann. Bei Fragen sind wir auch gerne über unsere Twitter-Accounts, die Kommentarspalte dieses Posts oder per eMail zu erreichen.

Ein guter Einstieg ins Thema ist das folgende Buch:
Hans-Jürgen Döscher: Reichskristallnacht. Die Novemberpogrome 1938.
Es ist in verschiedenen Auflagen recht günstig gebraucht erhältlich (wobei die neueren Auflagen natürlich teurer, aber sinnvoller sind) und vermittelt einen gut lesbaren Überblick und zahlreiche Quellen als Abschrift oder Faksimile. Wer sich tiefer in die Geschichte der Novemberpogrome einlesen möchte, sollte eine solche knappe Gesamtdarstellung an den Anfang stellen – nur dann ist gewährleistet, dass man Informationen und Quellen grundlegend in den Kontext einordnen und ihre Relevanz erkennen kann.

Generelle Internetseiten
Nachfolgend einige weiterführende Links zum Thema:
Bundeszentrale für Politische Bildung: Die Inzenierte Empörung
Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg: Die Nacht als die Synagogen brannten
Zukunft braucht Erinnerung: Die Pogromnacht am 9./10. November 1938
Docupedia: Antisemitismus
Docupedia: Neuere Täterforschung
DHM Lemo

Nun zur eigenen, zielgerichteten Recherche:

Internetrecherche

Häufig findet man schon per Google lokale Informationen. Die Reichspogromnacht wird noch zu häufig Reichskristallnacht genannt, daher empfehlen sich beide Suchbegriffe plus den Namen des jeweiligen Ortes. Auch Kristallnacht, Pogrom, Novemberpogrome und 9. November sind lohnenswerte Stichwörter. Auch die Suche nach „Drittes Reich + Ortsname“ oder „Nationalsozialismus + Ortsname“ ist empfehlenswert.

Google Books bietet die Suche in mehreren Millionen Büchern. Es empfiehlt sich also, nicht nur die normale Websuche zu benutzen, sondern auch hier zu recherchieren. Wenn es um schnelle Informationen geht, ist es nützlich, nur solche Bücher anzeigen zu lassen, von denen man zumindest eine Textvorschau angezeigt bekommt: Dazu über „Suchoptionen“ und „Alle Bücher“ auf „Vorschau verfügbar“ klicken.

Lokale Ebene

Auf der lokalen Ebene sind die Pogrome dank der Arbeit zahlreicher Lokalforscher relativ gut aufgearbeitet. Auch unsere Arbeit basiert auf der Vorarbeit von vielen weiteren Wissenschaftlern und wer sich für die Geschehnisse in seiner Stadt interessiert, sollte einen Blick in diese vertiefenden Darstellungen werfen. Häufig finden sich auch Informationen in Büchern, welche die Geschichte der jeweiligen Gemeinde im Nationalsozialismus behandeln oder in allgemeinen Stadtgeschichten. Ebenfalls einen Blick wert sind lokalgeschichtliche Schriftenreihen, in diesen findet sich häufig auch ein Aufsatz zum Thema.
Diese sollten in der örtlichen Bibliothek bzw. in der Bibliothek des jeweiligen Stadt- oder Kreisarchives vorhanden sein.

Lokale Initiativen und Geschichtsvereine

Weiterhin gibt es in zahlreichen Städten und Gemeinen Initiativen und Geschichtswerkstätten zum Thema. Diese sind bei Fragen eine gute Anlaufstelle und machen gute Arbeit.

Archive

Die Verwaltungen führten häufig eine Akte, in denen sie „Judenangelegenheiten“ verwalteten. Im Kreis Warendorf werden neben den Pogromen auch die Arisierungen in einer Akte gesammelt. Diese sollte im örtlichen Stadt- oder Kreisarchiv vorhanden und einsehbar sein. Es ist jedem empfohlen, sich diese Akten anzuschauen – die kalte Verwaltung der Entrechtung ist etwas, das man so schnell nicht vergisst.
Auch wenn die juristische Aufarbeitung der Pogrome häufig sehr mangelhaft war, z.T. gab es durchaus in der Nachkriegszeit Prozesse. Die Prozessakten und Zeitungsberichte sind einen Blick wert. Archive können etwas abschreckend wirken, sie sind es aber nicht. Die meisten Archivare freuen sich, wenn sie ihre Tätigkeit, die ja meist öffentlich finanziert ist, in Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern erklären und begründen können. Eine eMail oder ein Telefonat hilft bei der Recherche oft enorm, vor allem wenn das Archiv weiter vom Wohnort entfernt ist.

Zeitungen

Die Lokalzeitungen durften nach offizieller Anweisung jeweils nur einen, verharmlosenden Artikel über die Pogrome veröffentlichen. Je nach Zeitung fällt dieser unterschiedlich aus, er bietet aber zumindestens einen ersten Überblick.Die weitere Berichterstattung der Zeitungen ist ebenfalls spannend, gerade im Bezug auf antisemitische Stimmungsmache.
Weitere Recherchepunkte sind die jeweiligen Jahrestage des Pogromes, zu denen häufig entsprechende Artikel veröffentlicht wurde. Hier bieten sich jeweils die runden Jahrestage ab 1988 an, vorher wurde diese Zeit häufig nicht thematisiert. Die lokalen Zeitungen sollten im örtlichen Archiv oder in der örtlichen Bibliothek vorhanden sein.

Zeitzeugen

Auch 75 Jahre nach den Pogromen leben noch Menschen, die sie erlebt haben. Fragt sie – häufig haben sie Sachen zu berichten, die so nicht in den Quellen stehen!
Gleichzeitig bedarf der Umgang mit Zeitzeugen einer gewissen Sensibilität. Gerade bei Opfern kann das unvermittelte Nachfragen leicht alte Wunden aufreißen. Es empfiehlt sich daher, sensibel vorzugehen und sich vorher über den Umgang mit Zeitzeugen und der Oral History zu informieren. Weiterhin werden die Zeitzeugen nicht mehr sehr lange unter und weilen – es ist daher sinnvoll, ihre Geschichten zu dokumentieren und (mit ihrer Zustimmung) zu veröffentlichen.

Leider geht es weiter

Die Pogrome des 9./10. Novembers waren leider nur der Auftakt zur Judenverfolgung. Wer sich mit diesem Thema beschäftigen will, sollte auch mehr als einen Blick auf das weitere Geschehen bis zur Vernichtung werfen. So schrecklich die Ereignisse der Pogromnacht waren, das, was danach kam, war noch viel schlimmer.

Weitere Buchempfehlungen

Ben BARKOW, Raphael GROSS, Michael LENARZ: Novemberpogrom 1938. Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, London, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3-633-54233-8: „In den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Novemberpogrom 1938 sammelte das von dem emigrierten deutschen Juden Alfred Wiener gegründete Jewish Central Information Office in Amsterdam (heute Wiener Library, London) mehr als 350 Augenzeugenberichte. Sie stammen von Zeitzeugen unterschiedlichster Herkunft unmittelbar nach und teils noch während der vom Naziregime organisierten Ausschreitungen.“

Hans-Ulrich THAMER, Simone ERPEL: Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen, ISBN 978-3942422147: Ein Band zur gleichnamigen Ausstellung, die von Oktober 2010 bis Februar 2011 im Deutschen Historischen Museum, Berlin, zu sehen war. Aus dem Vorwort: „Es hat seit 1961/62 etliche ‚Schlussstrich‘-Forderungen gegeben, aber stets in Auseinandersetzung mit lebhaften Diskursen und erneuten Eröterungen der NS-Zeit, die in ihren Argumentationen von solchem Widerspruch geschärft wurde. Das Verlangen nach ‚Vergangenheitsbewältigung‘ wird noch auf lange Zeit unerfüllt bleiben, selbst wenn nach über 65 Jahren die letzten Schuldigen nicht mehr persönlich zur Verantwortung zu ziehen sind und die letzten Augenzeugen nicht mehr sprechen können.“

Zerstörung von Synagogen vor November 1938

Nicht nur während der Novemberpogrome wurden Synagogen zerstört: Unter anderem in Nürnberg und München bereits im Sommer 1938, ganz offiziell, mit Vorwarnung, zur „Stadtverschönerung“.

Die Zerstörung jüdischer Sakralbauten begann aber nicht erst im November 1938. So sind mindestens 67 Synagogen schon vor dem 9.11.1938 von den Nazis geschädet bzw. zerstört worden. Als frühes Beispiel ist die Synagoge in Hildburghausen (Thüringen) zu nennen, die 1933 von den Nazis enteignet und im gleichen Jahr abgerissen wurde. In Hamburg erfolgte 1934 der Abbruch der Synagoge Köhlhofen unter dem Vorwand der Stadtsanierung. 1938, jedoch vor dem Novemberpogrom, wurden mindestens 31 Synagogen zerstört oder geschändet. Im Sommer 1938 sind vier große Gotteshäuser auf Veranlassung der Nationalsozialisten abgerissen worden. Es waren die Hauptsynagogen in München […], Kaiserslautern, Nürnberg und Dortmund.

(Aus: Grellert, Marc: Immaterielle Zeugnisse. Synagogen in Deutschland. Potentiale digitaler Technologien für das Erinnern zerstörter Architektur. Bielefeld 2007. S. 82. Bei google books zum Teil digitalisiert.)

 

Im Folgenden möchte ich den Abriss der vier zuletzt genannten Synagogen kurz zeitlich darstellen:

Die Münchner Hauptsynagoge

Die Münchner Hauptsynagoge am Lenbachplatz befand sich neben dem Künstlerhaus.

Die Hauptsynagoge in München 1889.

Die Hauptsynagoge in München 1889.

Grund genug für Adolf Hitler, ihren Abriss bis zum 8. Juni 1938, dem „Tag der deutschen Kunst“, zu fordern, denn München sollte Hauptstadt der „Bewegung“ werden. So erhielt die Israelitische Kultusgemeinde in München am Beginn des Juni 1938 die Mitteilung, sie müsse das Anwesen der Münchner Hauptsynagoge für 100.000 Reichsmark an die Stadt München abtreten. Wenige Tage später, am 8. Juni, bekam sie die Abrissverfügung, aber folgenden Tag wurde diese in die Tat umgesetzt. Vorher konnte die Gemeinde allerdings die Kultgegenstände noch aus der Synagoge holen und sichern. Zwei weitere Grundstücke in der Herzog-Max-Straße 3 und 5 erhielten mussten sie ebenfalls verkaufen, für  85.000 Reichsmark und wurden von „Lebensborn“ bewohnt, einer von der SS getragener Einrichtung.

Heute erinnert an der Straßenecke Herzog-Max-Straße und Maxburgstraße seit 1969 ein Gedenkstein an die Hauptsynagoge. Der Verkauferlös für die Erweiterung eines Warenhauses für 20,5 Mio. Euro kam dem Bau des Neuen Jüdischen Zentrums auf dem Münchner Jakobsplatz zugute.

 

Die Nürnberger Hauptsynagoge

 

Die Synagoge in Nürnberg.

Die Synagoge in Nürnberg.

In Nürnberg wurde die Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz mit dem dazugehörigen Gemeindehaus am 10. August 1938 abgebrochen. Hier war es Gauleiter Julius Streicher, für den die Synagoge das Stadtbild vermeintlich verschandeln würde. Daher ordnete bereits im am 15. Juni 1938, kurz nach der Münchner Hauptsynagoge, ihren Abriss an. Dieser zog sich allerdings in Nürnberg über einen Monat hin. Grund waren mehrere Unterbrechungen wegen des Reichsparteitages.

Das Grundstück wurde nicht verkauft, im Zuge der Stadtplanung nach 1945 aber überbaut.

Seit 1988 erinnert aber ein Gedenkstein an die Synagoge.

 

Die Kaiserslauterner Synagoge

Die Kaiserlauterner Synagoge lag an der Fischerstraße (1938 Dr.-Frick-Straße). Auch

Die Synagoge in Kaiserslautern 1890.

Die Synagoge in Kaiserslautern 1890.

hier musste die Synagoge weichen, da sie das Aussehen der Stadt angeblich störte. Die pfälzische Stadt sollte Gauhauptstadt werden und die Paraden der Fischerstraße entlang führen, d.h. auch an der Synagoge vorbei. Mit dem Vorwand, das jüdische Gotteshaus würde den Ausbau der Straße für die Paradenaufmärsche behindern, wurde sie abgerissen. Nachdem am 29. August 1938 ein Abschiedgottesdienst gehalten werden durfte, wurde das Gelände an die Stadt verkauft und anschließend am 31. August abgerissen. Danach erfolgten zwei Sprengungen. ((Es gibt widersprüchliche Daten zu Abriss und Sprengung(en). Die hier wiedergegebene Angaben basieren auf http://www.alemannia-judaica.de/kaiserslautern_synagoge.htm#Die neue Synagoge (1886 bis 1938.))

In der Nachkriegszeit erhielt die jüdische Gemeinde von Kaiserslautern eine Abfindung in sechsstelliger Höhe, in den 1980er Jahren wurde das Grundstück der früheren Synagoge zu einem Platz umgebaut, der treffend Synagogenplatz genannt wurde. Ein Gedenkstein und eine Buchsbaumhecke erinnern an Standort und Grundriss des Gotteshauses.

 

Die Dortmunder Synagoge

Die Synagoge in Dortmund 1905.

Die Synagoge in Dortmund 1905.

Auch in Dortmund musste die Synagoge aus den gleichen Gründen weichen. Ausgerechnet gegenüber der Synagoge bezog die NSDAP der späteren Gauhauptstadt von Westfalen in Quartier. Die jüdische Gemeinde wurde zum Verkauf des Grundstücks gezwungen, das Geld anschließend beschlagnahmt. Nachdem kurz vor den Novemberpogromen, am 19. Oktober 1938, die Kuppel gesprengt wurde, wurde sie kurz vor Ende des Jahres vollständig abgerissen. Ein Gedenkstein und eine Gedenktafel erinnern an ihren früheren Standort.

 

Bildnachweise:

Wolfgang Rieger: Synagogue at Herzog-Max-Strasse in Munich. View from Lenbachplatz (1889). CC pd.

Unbekannt: Nürnberger Synagoge, erbaut 1874. CC pd.

Unbekannt: Synagoge Kaiserslautern 1890. CC pd.

Unbekannt: Deutschland, Dortmund, Synagoge am Südwall, Postkarte von 1905. CC pd.

„Dazwischen noch etwas Pogrom“? Zur Kritik an der Form.

Die Kritik, die Twitteruser @trainingsjacke gestern morgen äußerte, ist, zumindest in Fragen von Journalisten, schon einige Male formuliert worden. Sie ist natürlich legitim, wir haben uns vorab Gedanken darüber gemacht und uns dennoch für das Format entschieden.

@9Nov38 ist insofern ambitioniert, dass wir uns, im Gegensatz zu bspw. @9Nov89live, ein Thema ausgesucht haben, in dem es um unermessliches Leid, menschliche Abgründe und letztlich den Weg zum absoluten Zivilisationsbruch geht. Uns ist klar, dass einige Menschen deswegen die etablierten Wege der Information und Vermittlung bevorzugen. Aber mit Büchern, Zeitungsberichten und Fernsehdokumentation erreichen wir einige Teilöffentlichkeiten nicht mehr, und sie haben mediale Grenzen, die Twitter nicht hat. Filme von Guido Knopp haben mehr als 140 Zeichen, aber sie können keine Echtzeit bieten.

Der legitime Vorwurf ist im Kern, dass wir die Abgründe der Pogrome zu banalen Häppchen verkürzen, die zwischen Witzchen und Werbung eingestreut werden. Das können wir nicht verhindern, denn jeder ist für seine Timeline selbst verantwortlich. Wir können nur versuchen, durch sprachliche Mittel eine Ernsthaftigkeit zu erzeugen, die sich auf unsere Follower überträgt. Jeder, der einmal auf „Folgen“ geklickt hat, hat dies freiwillig getan, und damit ist ein gewisses Grundinteresse als gegeben zu betrachten. Gestern haben etwa 1.000 Menschen die Postkarte des Vaters von Herschel Grynszpan im Volltext angeklickt. Wir können nicht sicher sein, dass nicht auch einige Leute aus der merkwürdigen Lust nach faktisch korrektem Grusel darunter sind, aber wir können es auch nicht ändern. Und gegenüber der mittlerweile wichtigsten Vermittlungsform, dem Fernsehen, haben wir im Vergleich zu Zapping und Re-Enactment keine größere Gefahr der Banalisierung.

Nationalsozialistische Pressepolitik und der Völkische Beobachter

Bereits zu Beginn des Jahres 1933, als noch kein Propagandaministerium in Deutschland existierte, arbeitete die Propagandamaschine der Nationalsozialisten seit langem. Schon im Dezember 1920 hatte die NSDAP den vor dem Ruin stehenden Völkischen Beobachter auf Hitlers Bestreben hin aus nationalen Kreisen erworben und diesen immer weiter zu ihrem Parteiorgan ausgebaut. ((Vgl. Hünger, Heinz: Aus der Geschichte des Völkischen Beobachters. In: Deutsche Presse 18/1934, S. 3ff, zit. nach Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, Düsseldorf 1960, S.6.)) Finanziert wurde dies in erster Linie durch die persönliche und finanzielle Unterstützung einiger Parteiführer. ((Vgl. Frei, Norbert, Nationalsozialistische Presse und Propaganda in: Martin Broszat/Horst Möller (Hrsg.), Das Dritte Reich. Herrschaftsstruktur und Geschichte, München 1983, S. 157.)) Der Völkische Beobachter war bis 1926 die einzige NS-Tageszeitung und verfügte bis 1926 nur über eine geringe Auflage von 10.700 gedruckten Zeitungen. Die Partei war bis 1930 nicht in der finanziellen Lage, effektive Propaganda über die Zeitungen zu betreiben. Zwar hatte man bis 1928 vier Tageszeitungen erwerben können, allerdings kamen diese nicht über eine Tagesauflage von 22.812 Exemplaren hinaus. Wichtige Verbreitungsgebiete der Zeitungen waren dabei Preußen und Bayern. Die NSDAP verfügte Mitte Februar 1930 über 24 und Mitte 1932 über 47 Tageszeitungen in Berlin, in Bayern waren es Mitte Februar 1930 über elf täglich erscheinende Blätter und Mitte 1932 16 Tageszeitungen. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, S. 6.))

Gerade der schnelle Anstieg nationalsozialistischer Blätter in Preußen ab 1930 lässt erkennen, wie sehr die Nationalsozialisten auf die Propaganda bauten. Finanziert wurde diese nationalsozialistische Pressetätigkeit anfangs vor allem durch den Verkauf von Mein Kampf, allerdings kam mit dem gestiegenen Absatz des Völkischen Beobachters auch Geld in die Parteikasse, sodass der Erlös des Völkischen Beobachters 1932 mit 3,9 Millionen Reichsmark zur Finanzierung des NSDAP-Wahlkampfes beitrug. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945. Geschichte der deutschen Presse Teil III, Berlin 1972, S. 382.))

Genaue Zahlen, wie viele Zeitungen insgesamt 1930 und 1932 in Preußen und Bayern erschienen, existieren nicht, aber allein in Berlin betrug die Zahl der täglich erscheinenden Zeitungen 1928 147 ((http://www.bpb.de/themen/502I33,6,0,Zwischen_Festigung_und_Gef%E4hrdung_1924_1929.html.)), deutschlandweit waren es 3356 verschiedene Tageszeitungen (von Wochen- und Monatszeitungen ganz abgesehen). Die Weltwirtschaftskrise hatte keine Auswirkungen auf die Presselandschaft des Deutschen Reiches in dem Sinne, dass während dieser Zeit kaum Zeitungen eingestellt wurden, allerdings ging die Auflage der Zeitungen stark zurück, sodass einige Blätter einen Einbruch von bis zu 20 Prozent zu verzeichnen hatten. ((Vgl. Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, 2., überarbeitete Auflage, Konstanz 2005, S.159ff.)) Wie viele Zeitungen allerdings einen Auflagenschwund zu verzeichnen hatten, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, da es in der Weimarer Republik kaum Aufzeichnungen über die Auflagen gab und davon ausgegangen werden kann, dass die vorliegenden Zahlen von einem Einbruch von bis zu 20 Prozent noch zu niedrig geschätzt sind. ((Zur Problematik der Gesamtauflagenermittlung von Tageszeitungen der Weimarer Republik s. Führer, Karl Christian, Die Tageszeitung als wichtigstes Massenmedium der nationalsozialistischen Gesellschaft, in: Wolfgang Benz/Michael Borgolte/Georg G. Iggers et. al. (Hrsg.), Zeitschrift für Zeitgeschichte, 55. Jahrgang, Heft 5, Berlin 2007, S. 413ff.))

Erst ab 1930 ist ein signifikanter Anstieg der nationalsozialistischen Tagespresse zu verzeichnen. So wurden 1930 in mehreren Großstädten neue nationalsozialistische Zeitungen mit Hilfe des parteieigenen Eher-Verlags gegründet. Aber auch bereits existierende nationalsozialistische Blätter konnten ab 1930 wöchentlich erscheinen. Dazu zählen der Westdeutsche Beobachter, das Hamburger Tageblatt (ehemals Volksblatt) und die Essener National-Zeitung. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 384.)) Verfügte die NSDAP 1929 noch über 10 Tageszeitungen mit einer Tagesauflage von 72.590 Exemplaren, so wird davon ausgegangen, dass es 1933 bereits 86 Tageszeitungen gab, die es zu einer täglichen Auflage von 3.197.964 Zeitungen brachten ((Vgl. Ebd., S. 385.)), beziehungsweise unmittelbar vor der „Machtübernahme“ 59 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 780.000 Exemplaren waren. Dennoch machte die damalige Auflage der nationalsozialistischen Presse nur 5 Prozent der deutschen Gesamtpresse aus ((Vgl. Frei, Norbert, Nationalsozialistische Presse und Propaganda, S.165f.)).

Viel wichtiger als die eigene nationalsozialistische Presse ist in diesem Zusammenhang, dass die NSDAP seit Oktober 1931 Mitglied der Harzburger Front war. Dadurch war eine Verbindung zum Medienmogul Alfred Hugenberg geschaffen, der im Scherl-Verlag eine nationale Presse vertrieb ((Vgl. Koszyk, Kurt, Das Ende des Rechtsstaates 1933/34 und die deutsche Presse, S. 6.)) und daneben 1928 auch über die drei weiteren Gebiete des Publikationswesens „Annoncenexpedition und Propaganda, Internationaler Nachrichtendienst und Film“ ((Bernhard, Ludwig, Der „Hugenberg-Konzern“. Psychologie und Technik einer Großorganisation der Presse, Berlin 1928, S. 94.)) verfügte. Durch die starke Präsenz des Hugenbergkonzerns in der Provinzpresselandschaft wurde „die Verteilung der Einflußzone über das Reich“ ((Ebd., S. 105.)) ausgebaut und verstärkte so die politische Wirkung des Konzerns, die von einigen Zeitzeugen als „‘indirekte und mittelbare Einflußnahme‘“ ((ebd.)) auf die Bevölkerung verstanden wurden. ((Vgl. ebd.)) Der Hugenberg-Konzern hatte durch seinen weitreichenden Einfluss auf die Provinzpresse den Stand eines rechten Meinungsklimas verbessert, sodass bürgerliche Blätter, aber auch die Presse der übrigen Parteien der Weimarer Republik, in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt wurden, was eine Radikalisierung der deutschen Presselandschaft zur Folge hatte. ((Vgl. Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, S. 235.)) Mithilfe dieser beiden Verbreitungswege wurde von Seiten der Nationalsozialisten versucht, kritische Stimmen der übrigen  Reichspresse zu übertönen. ((Vgl. Zur Problematik der liberalen Presse zu dieser Zeit s.a. Bosch, Michael, Liberale Presse in der Krise. Die Innenpolitik der Jahre 1930 bis 1933 im Spiegel des „Berliner Tageblatts“, der „Frankfurter Zeitung“ und der „Vossischen Zeitung“, Frankfurt/M und München 1976.))

Als die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt am 30. Januar 1933 übertragen bekamen, boten sich ihnen natürlich gänzlich andere Maßnahmen, sodass sie unliebsame, kritische Stimmen nicht mehr bloß übertönen mussten. Am 4. Februar 1933 wurde die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes erlassen, die die Pressefreiheit stark beschnitt. Besonders die Paragraphen 7 und 9 der Verordnung machten eine freie Berichterstattung kaum möglich. So konnten nach § 7 alle Druckschriften polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden, deren Inhalt geeignet sei, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden. Der Paragraph neun definierte, dass periodische Druckschriften, die u.a. zu Generalstreiks aufriefen und Organe, Einrichtungen, Behörden oder leitende Beamte des Staates beschimpfen oder böswillig verächtlich machen würden, verboten werden könnten. ((Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes vom 4.2.1933, RGBl I, 6.2.1933, S. 35-40, in: Bernd Sösemann (Hrsg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Bd. 1, Stuttgart 2011, S. 96.))

Am 23. März 1933 schuf die Reichsregierung mit dem Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich auch eine Rechtsgrundlage für die Abschaffung der Pressefreiheit in Deutschland. Die demokratische Weimarer Verfassung war somit nicht länger gültig. Damit begann eine Willkürherrschaft, der auch die freie Presse zum Opfer fiel. Durch Einschüchterung der Redaktionen und dem politisch bzw. „rassisch“ begründeten Ausscheiden vieler bedeutender Journalisten wurde die Presse „uniformiert“. Den Redaktionen wurde mit unterschiedlichen Aktionen zu verstehen gegeben, welche Berichterstattung sich die neuen Machthaber wünschten. So kam es zu Besetzungen von Redaktionsräumen durch SA-Truppen und Verhaftungen von Journalisten. Das bekannteste Beispiel für die Umsetzung der neuen „Pressepolitik“ der Machthaber dürfte wohl die Auflösung des Dortmunder Generalanzeigers sein. Die NSDAP hatte seit dem Februar 1933 versucht, eines der größten deutschen Provinzblätter zu übernehmen. Nachdem der Chefredakteur der Zeitung abgesetzt und die Zeitung zwei Mal beschlagnahmt worden war, reichte eine Zeichnung Adolf Hitlers, die anlässlich seines Geburtstages am 20. April 1933 erschien und von den Nationalsozialisten als Schmähung von dessen Person aufgefasst wurde, um den Generalanzeiger in den Dienst der „nationalsozialistischen Revolution“ zu stellen. Die Gesellschafter des Generalanzeigers wurden mit finanziellen Mitteln aus dem Bankguthaben der General-Anzeiger GmbH „entschädigt“ ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 358.)), was aber de facto einer Enteignung gleich kam.

Von den rund 3400 verschiedenen Zeitungen, die Anfang 1933 im Deutschen Reich existierten, stellten 600 Zeitungen ihr Erscheinen im Laufe des Jahres ein, darunter war auch die Vossische Zeitung, ein bedeutendes, traditionelles und anerkanntes Blatt. Andere Blätter hatten mit Absatzverlust zu kämpfen, während die nationalsozialistischen Zeitungen an Bedeutung im Sinne eines gesteigerten Absatzes gewannen. ((Bereits 1934 machte die NS-Presse ein Viertel der deutschen Presselandschaft aus, zum Ende des „Dritten Reichs“ gehörten 80-82,5% der deutschen Presse dem Eher-Verlag, vgl. dazu Stöber, Rudolf, Deutsche Pressegeschichte, S. 236.))

Der Völkische Beobachter fungierte ab der „Machtergreifung“ 1933 als Mitteilungsorgan der Reichsregierung. Ab 1938 erschien nach dem „Anschluss“ Österreichs auch eine Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters.

Wer für den Völkischen Beobachter schrieb, verpflichtete sich, für keine andere Zeitung zu schreiben. Die Auflage des Völkischen Beobachters steigerte sich mit im Laufe der 1930er Jahre enorm, zurückzuführen ist dies wohl auf die aggressive Pressepolitik Max Amanns, dem Präsidenten der Reichspressekammer, der nicht-nationalsozialistische Blätter konsequent ausschaltete. Hatte der Völkische Beobachter bereits 1931 eine, für die Zeit und die politischen Umstände, in denen sich die Nationalsozialisten befanden, verhältnismäßig hohe Auflage von 130.000 Exemplaren gehabt, lag diese 1939 bereits bei 750.000 und sollte bis 1941 weiter steigen. Grund dafür war auch der Druck, dem sich viele ausgesetzt fühlten, um sich zur nationalsozialistischen Ideologie zu bekennen. Dieser Druck wurde durch Werbemaßnahmen Amanns verstärkt. ((Vgl. Florin, Moritz, Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums. Der „Völkische Beobachter“ über die UdSSR im Jahre 1939, Berlin 2009, S. 36.))

Neben der aggressiven Pressepolitik Amanns dürfte ein weiterer Grund für die wachsende Popularität des Völkischen Beobachters das Ausscheiden Alfred Rosenbergs aus der Redaktion gewesen sein. Bis 1927 hatte Rosenberg mit dem Völkischen Beobachter versucht, die nationalsozialistische Ideologie zu erläutern, worunter der Stil der Artikel litt und sie teilweise unlesbar machte. [Edit: Hinweis von Gabriel Rolfes, dass Rosenberg 1927 nicht aus der Redaktion ausschied. Rosenberg wurde 1927 – nach Beschwerden Amanns bei Hitler über die langen theoretischen Erörterungen Rosenbergs – der Journalist Wilhelm Weiß zur Seite gestellt. ((Vgl. Koszyk, Kurt, Deutsche Presse 1914-1945, S. 382)). Tatsächlich blieb Rosenberg bis 1937 Schriftleiter, im Anschluss daran fungierte er als Herausgeber. ((Vgl. Bollmus, Reinhard: Alfred Rosenberg – ‚Chefideologe‘ des Nationalsozialismus?, in: Smelser, Ronald/ Zitelmann, Rainer (Hrsg.): Die braune Elite. 22 biographische Skizzen. Darmstadt 1989, S. 223-235, hier: S. 224)) ((Vgl. a. „Von Febr. 1923 bis zum Hitler-Putsch (9.11.1923) und von 1926 bis Ende 1937, als er aufgrund von Konflikten mit Josef Goebbels (1897–1945) und Philipp Bouhler (1899–1945) zum ‚Herausgeber‘ degradiert wurde, wirkte R. als Hauptschriftleiter des ‚Völkischen Beobachters‘.“ – http://bsbndb.bsb.lrz-muenchen.de/sfz108145.html))] Dies sollte sich nach der „Machtergreifung“ ändern, denn nun galt es auch zuvor nichtüberzeugte Bürger vom Nationalsozialismus mit Hilfe des Blattes zu überzeugen. Dadurch musste der Völkische Beobachter sowohl die langjährige Leserschaft als auch die neuen Leser überzeugen und damit eine Balance zwischen nationalsozialistischer Hetze und gemäßigter Berichterstattung halten. ((Vgl. Florin, Moritz, Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums, S. 36.))

„Arisierung“

Schon im Herbst 1938 befanden sich von einstmals etwa 100.000 von Juden besessenen Betrieben nur noch 40.000 in der Hand ihrer ursprünglichen Besitzer. ((Konrad Kwiet: Nach dem Pogrom. Stufen der Ausgrenzung. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Juden in Deutschland 1933–1945, München 1988, S. 547.)) Dieser Prozess wurde von den Nationalsozialisten selbst als „Arisierung“ bezeichnet. Dabei ging es nur im ersten Schritt um die mehr oder minder gewaltsame Eigentumsübertragung von Juden zu „Ariern“, effektiv war das Ziel die vollständige Verdrängung von Juden aus der deutschen Wirtschaft, es handelte sich um den „größten Besitzwechsel der neueren deutschen Geschichte.“ ((Frank Bajohr: „Arisierung“ und Restitution. Eine Einschätzung, in: Constantin Goschler, Jürgen Lillteicher (Hrsg.): „Arisierung und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 39.)) Diese Entwicklung fand nicht gleichförmig statt, sie erfolgte, wie so oft im „Dritten Reich“, in mehreren Radikalisierungsschüben. Der erste davon waren die zahlreichen Boykottaufrufe, deren Fotografien schon 1933 zu Ikonen der nationalsozialistischen Judendiskriminierung wurden. In der Folge wurde die „Arisierung“ zu einem stetigen Element der NS-Judenpolitik, wobei sie nur in kleinem Maße zentral gesteuert wurde – tatsächlich wurde sie oft lokal veranlasst, ob von Bürgermeistern oder Parteifunktionären. In einigen Gebieten wurden privatwirtschaftliche Tarnorganisationen wie die „Stiftung Wirtschaftsdank Württemberg“ gegründet, die oftmals zur Korruption geradezu einluden. ((Ebenda, S. 41.))

Der zweite Radikalisierungsschub erfolgte Ende 1936 im Zuge der Verschärfung der NS-Devisenpolitik. Auf Veranlassung Görings wurden alle Auslandsvermögen inklusive Wertpapieren und Gold erfasst, zudem die Strafen bei Verstößen gegen das Devisenrecht verschärft. ((Christiane Kuller: Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland, München 2013, S. 225-226.)) Diese Verschärfungen trafen vor allem Juden. Noch deutlicher wurden die Absichten der Machthaber ab dem 26. April 1938: Durch die „Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens“ mussten Juden bis zum 30. Juni ihre gesamten Besitztümer im In- und Ausland offenlegen, Veräußerung und Vermietung wurde genehmigungspflichtig. ((Wilhelm Treue: Ein Fall von „Arisierung im Dritten Reich und heute, in: Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie 16 1971, S. 289.))

Der letzte massive Radikalisierungsschub trat nach den Pogromen des Novembers 1938 in Kraft. Durch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November wurde Juden der Besitz oder die Leitung von Betrieben faktisch verboten. Am 3. Dezember folgte die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“, mit der sie gezwungen wurden ihre Gewerbebetriebe und ihren Grundbesitz zu veräußern, ihre Wertpapiere zu hinterlegen und sämtliche Wertgegenstände, inklusive Kunstgegenständen und Schmuck, bis Ende März bei staatlichen Ankaufstellen abzugeben. Die Bewertung und Bezahlung lag einzig in den Händen dieser Stellen, Verkauf an andere Personen war den Juden nicht gestattet. Faktisch handelte es sich also um eine Enteigung, für die von strukturell antisemitischer Seite in deren Ermessen entschädigt wurde. Üblich war dabei, 60% desjenigen Wertes auszuzahlen, den Pfandleihhäuser unter gewöhnlichen Umständen gezahlt hätten – und der natürlich selbst schon weit unter dem tatsächlichen Wert lag. Behalten durften die so enteigneten Juden einen Ehering, eine Uhr und ein vierteiliges Besteck.

Nationalsozialistische Propaganda

Die Presse nahm im NS-Staat eine gewichtige Rolle ein. Unter der Parole „Die öffentliche Meinung des deutschen Volkes ist der Nationalsozialismus“ ((Dietrich, Otto, Die Presse ist das publizistische Gewissen der Nation, in: Deutsche Presse, 25. Jg. Nr. 38 v. 21.9.1935, S. 467)) waren die Presselenkung und die damit verbundene Propaganda im NS-Staat essenzielle Mittel zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung. Die Propaganda sollte sowohl für die Erziehung des „neuen Menschen“, als auch dafür sorgen, die Zustimmung des Volkes zum totalitären Staat zu gewinnen. Der theoretische Überbau der Propaganda war durch die Ideologie des Nationalsozialismus gewährleistet, die tägliche Realpolitik der Propaganda war hingegen nicht festgesetzt. Sie sollte möglichst dazu eingesetzt werden, das Volk immer wieder auf das Neue vom Nationalsozialismus zu überzeugen. ((Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“ im Dritten Reich untersucht am Beispiel der ‚Frankfurter Zeitung‘, Freiburg 1960, S. 42f.))

Hitler widmete der Kriegspropaganda in „Mein Kampf“ ein Kapitel. So kritisierte er die – im Gegensatz zur britischen – mangelnde deutsche Propaganda während des Ersten Weltkriegs. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, 147.-148. Auflage, München 1935, S. 193ff.)) Um diese Kriegspropaganda auch in friedlichen Zeiten nutzen zu können, müssten die innenpolitischen Gegner zu lebensbedrohlichen Feinden stilisiert werden ((Pohlmann, Friedrich, Ideologie und Terror im Nationalsozialismus, Pfaffenweiler 1992, S. 296f.)), was die nationalsozialistische Ideologie tat. Insofern lassen sich Hitlers Ausführungen zur Kriegspropaganda auch auf den generellen Propagandabegriff der Nationalsozialisten übertragen. Hitler definiert die Propaganda so:

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 197.))

Im Hinblick auf diese Aussage ist also festzustellen, dass Hitler der Propaganda bei der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie wohl eine große Bedeutung beigemessen haben dürfte. Hitler verstand die Propaganda als Mittel zur Indoktrination seiner Ideologie und so war er davon überzeugt, dass sie auf nur wenige Punkte zu reduzieren sei, damit sie auch der „Beschränkteste“ verstünde. ((Ebd., S. 198.)) Dadurch könne das Volk von der Idee des Nationalsozialismus begeistert und fanatisiert werden. ((Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“, S. 44.)) Der für Hitler wichtigste Bestandteil der Propaganda war die Rede ((Hierzu Pohlmann, Friedrich, Ideologie und Terror im Nationalsozialismus, S. 298-310.)), aber auch der Presse ließ er in seiner Propagandatheorie eine gewichtige Bedeutung zukommen. Diese besorge in erster Linie die „Aufklärungsarbeit“ und stelle damit eine Art von Schule für die Erwachsenen dar. ((Hitler, Adolf, Mein Kampf, München 1935, S. 93.)) Die psychologischen Auswirkungen der Propaganda waren Hitler also bewusst. Aber auch Goebbels wusste als Journalist ((Zum Thema Goebbels als Journalist s.a. Richter, Simone, Joseph Goebbels – der Journalist. Darstellung seines publizistischen Werdegangs 1923 bis 1933, Stuttgart 2010.)) um die Bedeutung der Presse als wichtigen Einfluss auf die öffentliche Meinung und als lebenswichtige Funktion des modernen Staates. So postulierte er 1934 in der NS-Zeitung Der Angriff:

Die Presse ist die siebte Großmacht! (…) Wer die Presse hat, hat die öffentliche Meinung. Wer die öffentliche Meinung hat, der hat recht. Wer recht hat, der kommt in den Besitz der Macht. ((Zit. nach Diel, Helmut, „Grenzen der Presselenkung und Pressefreiheit“, S. 47.))

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Titelkopf der nationalsozialistischen Wochenzeitung „Der Angriff“, herausgegeben von Joseph Goebbels, vom 30. Januar 1933 – dem Tag der „Machtergreifung“.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Nationalsozialisten sich der Bedeutung der Propaganda für die Durchsetzung ihrer Ziele, die im Besonderen darin lagen in der deutschen Bevölkerung das Judentum als Feindbild durchzusetzen und sie bis 1939 auf einen Krieg vorzubereiten ((Kershaw, Ian, How effective was Nazi Propaganda?, in: David Welch (Hrsg.), Nazi Propaganda. The power and the limitations, Totowa 1983, S. 200.)), sehr bewusst gewesen sein müssen.

Zwischen den Polen

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Vor fast einem Jahr erregte der MDR Sachsen-Anhalt mit dem Twitter-Account @9Nov89live einiges Aufsehen. 23 Jahre nach dem Mauerfall begleiteten die Redakteure den Tag „re-live“ auf Twitter aus der Sicht verschiedener fiktiver Personen:

 

Das in der Anlage lobenswerte Projekt wurde von der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn begleitet und unterstützt. Die Grundintention, den 9. November 1989 „von unten“, emotional und nicht belehrend darzustellen, war erkennbar, das sprachliche und erzählerische Niveau allerdings dem Anspruch nicht gewachsen.

Nun ist der 9. November oft als der „Schicksalstag der Deutschen“ bezeichnet worden, was ihm meiner Meinung nach nicht ganz gerecht wird – der „Deutsche Tag“ passt meiner Meinung nach besser. Dem Glück des Mauerfalls steht in erster Linie das Leid der Reichspogromnacht gegenüber. Meinen bei Twitter artikulierten Einwänden gegen @9Nov89live wurden sinngemäß mit „Mach’s doch besser“ begegnet, und das versuche ich nun, allerdings zum Glück und dankenswerterweise nicht alleine. Und getreu dem Schröderschen Motto wollen wir nicht alles anders, aber vieles besser machen. Das ist ein hehrer Anspruch, den ich gerne erläutern möchte.

Das Team besteht aus fünf angehenden und studierten HistorikerInnen. In der Universität wird und wurde uns täglich die Wichtigkeit sauberen wissenschaftlichen Arbeitens vor Augen geführt und eingeimpft. Gleichzeitig muss ein solches Projekt wie @9Nov38 im Spannungsfeld zwischen historisch-wissenschaftlichem Anspruch und für die Öffentlichkeit attraktiver Lesbarkeit seinen rechten Ort finden – wir können nicht nach jedem Tweet eine Fußnote setzen, und historiographische Erörterungen können auf 140 Zeichen schlecht stattfinden.

Der Kompromiss, den wir nun anwenden sollen, befindet sich in der Mitte beider Pole. Wir arbeiten wissenschaftlich korrekt, wir wagen keine Ausflüge in die historische Belletristik, wir schreiben nur, was wir belegen können. Die tatsächlichen Ereignisse stehen dabei im historischen Präsens, die retrospektiven Einordnungen im Perfekt, um eine grammatische Abgrenzung zu ermöglichen. Wir können, wie gesagt, keine Fußnoten setzen, aber wir wollen trotzdem kritisch nachprüfbar sein. Nach dem Ende unseres Projektzeitraumes Mitte November werde ich daher an dieser Stelle eine kleine Datenbank veröffentlichen, in der jeder Tweet mit Datum und Uhrzeit auftaucht und mit einem korrekten Beleg aus der wissenschaftlichen Literatur oder aus Primärquellen verknüpft wird.

Neben der übergeordneten Beschäftigung mit dem reichsweiten Kontext (sowie seiner Vorgeschichte) legen wir einen Fokus auf regionale Berichte des 9. und 10. November 1938. Charlotte Jahnz beschäftigt sich mit dem Rheinland, Petra Tabarelli mit der Rhein-Main-Region, Christian Gieseke mit Thüringen und Michael Schmalenstroer mit Warendorf und dem Münsterland.

Wir betrachten nicht nur den 9. und 10. November, sondern seine unmittelbare Vorgeschichte und die ersten Nachwirkungen. Wir beschränken uns also nicht auf 24-36 Stunden, sondern wollen nachverfolgen, was vor exakt 75 Jahren passierte, tages- und möglichst auch uhrzeitgenau. Dabei müssen wir Kompromisse machen – nicht immer sind genaue Zeiten überliefert. In solchen Fällen achten wir auf Plausibilität, und wenn diese nicht herstellbar ist, müssen wir auf den speziellen Tweet verzichten.

Das Ganze ist ein Experiment, es ist eine Auslotung unserer Fähigkeiten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, weder verdienen wir Geld damit noch geben wir welches aus, wir hoffen auf Leserschaft und erwarten auch Kritik. Wer immer uns etwas mitteilen möchte, sei dazu gerne hier oder an jeder anderen Stelle aufgerufen. Und vorläufig ist es für uns auch in erster Linie spannend.